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Journal
KRAUTGARTEN 59
November 2011

58 Über A. D. Colin / E. Silbermann, Paul Celan – Edith Silbermann (Th. Buck)
Ausschreibung: Jugendbuchautorenresidenz Echternach
59 Über Els Herrebout, Generalleutnant Herman Baltia (Ph. Beck)
60 Über Susanne Schädlich, Westwärts, so weit es nur geht. Eine Landsuche (Th. Buck)
63 Über Ines Hagemeyer, Das steinige Feld zum Blühen bringen (H.G. Hahs)
64 Zur Wiederentdeckung Johannes Urzidils (loqui)
65 Über Laura Laberge, Geheimakte Frank Mayer (Ph. Beck)
66 Über Etienne Verhoeyen, Spionnen aan de achterdeur (K. Pabst)
67 Über Alexey Weißmüller, Blaufuchs (T.R. Kuhnle)
68 Über Sylvie Schenk, Der Gesang der Haut (S. Wiedner)
69 André Paquet à Walhorn (A. Moxhet)
70 Irmgard Keun, „Courage hat man“ (B. Diener)
74 Über Klaus Martens, drei Gedichtbände (Ph. Beck)
77 Bruno Kartheuser, Am Anfang war das Feuer: Nachwort: K. Wiegerling.
Vorwort der französischen Ausgabe: C. Javeau (Ü.: A. Kartheuser)

79 Über Klaus Wiegerling, Philosophie intelligenter Welten (S. Wiedner)
82 Über Marlis Thiel, Der Kaufmann und der Dichter (T.R. Kuhnle)
83 Über Michèle Thoma, Wie ich die georgische Mafia suchte … (alst)
Der 40. DICHTUNGSRING (dimü)
84 Literaturarchiv Neundorf (d.R.)
85 Über Wilfried von Serényi, Janus (M. Heger)
Rezension Von Asten: Berichtigung (d.R.)
86 Autoren: Bio- und bibliographische Angaben
88 Sommerfest des KRAUTGARTEN
Buchmesse in Brive

 
SUSANNE SCHÄDLICHS ERINNERUNGSBUCH

„Mein Gefühl war Exil.“

Susanne Schädlich hat ein drittes Erinnerungsbuch geschrieben. Es handelt in erster Linie von ihrem “dritten Leben“ (8) in den Vereinigten Staaten, bezieht jedoch die beiden Lebensphasen vor der “Flucht in (ihr) Leben“ (38),1987, immer wieder in die Darstellung ein. Zugleich ist es ein Erinnerungsbuch für die verstorbene Freundin. Der siebentägige Besuch bei der Sterbenden in Los Angeles im Oktober 2009 bildet den Erzählrahmen. Deshalb ist dieser Freundin auch das Buch gewidmet (“Für sie“, steht nüchtern auf dem Vorsatzblatt). Nüchtern ist ebenso der Gesamtgestus dieses eindringlichen Erzählwerks. Einerseits lebt der Text von einer souverän gehandhabten temporalen Spannung, die den gesamten Zeitrahmen einer langen “Landsuche“ (Untertitel) einbezieht. Die Autorin setzt dabei “gestern und heute parallel“ (109). Andererseits gewinnt das Buch seine Energie aus einer die Vorkommnisse immer neu prüfenden “doppelten Sicht“ (8), die im Nachdenken das “Denken danach“ (37) erfasst (“Ich weiß nichts. Ich weiß alles“, 25).

Theo Buck

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DAS STEINIGE FELD ZUM BLÜHEN BRINGEN

Zu den Gedichten von Ines Hagemeyer

Siebzig Seiten netto – für einen Gedichtband ist das ein dem Leser zuträgliches Maß. Auch sind die Gedichte selbst von leserfreundlichem Umfang, keines beansprucht mehr als eine Seite. Die einzelnen Zeilen ihrerseits lassen sich mit einem einzigen Augenruck erfassen. Ausgewogen ist schließlich auch das Mengenverhältnis zwischen den Texten und den Federzeichnungen von PAPI. Diese sind nicht lediglich Zutat, sondern beanspruchen einen angemessenen Eigenraum. Die Verse sind syntaktisch abgedeckt, sie lassen sich als Bogen empfinden; das Vers-Ende ist weder beliebig gesetzt, noch hat es den Charakter von Brüchen, welche eine Satzspannung erzeugen sollen. Ines Hagemeyer zeigt auch hier Sorgfalt und ein gutes Gespür. Ebensowenig wird die Klanggestalt dem Zufall überlassen. Ein Versmaß ist nicht auszumachen, was nicht heißt, dass der Vers keine innere Form besäße. Im Gegenteil – die Autorin wird mir hoffentlich zustimmen: fast durchgehend lässt sich als inneres Gestaltungsprinzip eine Zweigipfligkeit hören, jenseits allen alternierend-mechanischen Geklappers. Wo durch den Prosaduktus des Textes sich eine metrische Falle auftut, schafft die Autorin Abhilfe, indem sie ohne Scheu vor Umgangssprachlichkeit Vokale wegstreicht: „Aug“, „drohn“, sogar „’s war“. Auf diese Weise gruppiert sich um die beiden Versgipfel herum das übrige Silbenmaterial bei wechselndem
Umfang im Betonungsgefälle.

Heinz G. Hahs

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BRUNO KARTHEUSER

AM ANFANG WAR DAS FEUER.


Im Juni veröffentlichte Bruno Kartheuser seinen Essaiband Am Anfang war das Feuer in der edition KRAUTGARTEN. Zu diesem Buch schrieb Klaus Wiegerling, der auch als Lektor fungierte, ein umfassendes Nachwort. Für die französische Ausgabe, die im Oktober unter dem Titel Au commencement était le feu erschien, verfasste Claude Javeau das Vorwort. Wir dokumentieren im Folgenden die beiden Annäherungen in Auszügen.

AUS DEM NACHWORT VON KLAUS WIEGERLING

I. Kennen wir Bruno Kartheuser? Ja gewiss doch, einige von uns kennen ihn mehr oder weniger gut. Wir kennen ihn als engagierten Herausgeber und Förderer der Literatur, als Mahner und zuweilen hartnäckigen Erinnerer, der leidenschaftlich selbstzufriedene Ruhe stören kann. Manche ängstigt das. Wir kennen ihn als scharfsinnigen, gelegentlich provozierenden Intellektuellen, der sich öffentlich positioniert, auch wenn er darum nicht gebeten wurde. Wir kennen ihn als Angehörigen einer Minderheit, der es dieser Minderheit aber alles andere als einfach macht, ja der ganz im Gegenteil oft wider deren politische Ansprüche streitet, deren kulturellen Ansprüche dagegen mit Wort und Tat jederzeit und überall unterstützt, solange diese nicht zu Isolierungen und Abwehrhaltungen führen. Wir kennen ihn als Lyriker, Aphoristiker und gelegentlichen Erzähler, der eine tiefe Verbundenheit zu seiner ostbelgischen Heimat hat, die nicht an der Grenze seines deutschsprachigen Sprengels endet. Wir kennen ihn seit über einer Dekade als akribischen historischen Forscher, der ausgehend von einer kleinen regionalen Facette uns den Kosmos einer unseligen Zeit erschlossen hat, deren Ausstrahlungen bis in die Gegenwart reichen. Wir kennen ihn gewiss auch als Feingeist mit viel Sinn fürs Bukolische, gelegentlich sarkastisch, immer inspirierend und nie langweilend. All das wird in den vorliegenden Essais aus 20 Jahren bestätigt, aber es kommen noch einige Facetten dazu, die erst aus der Zusammenschau der die Zeitläufte begleitenden und artikulierenden Essais sichtbar werden. Die Lektüre der Essais lässt in der Vielfalt der behandelten Themen nicht nur Leitmotive erkennen, sie eröffnet auch Einblicke in eine Unterschicht von Motivationen und Inspirationsquellen, die zwar noch nicht den ganzen Kartheuser sichtbar werden lassen, aber doch wesentlich zur Differenzierung seines Bildes beitragen. (…..)

Bruno Kartheuser

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ZWEI DEUTSCHE EINSAMKEITEN

Der Dichter und sein Mäzen – zwei Menschen, die in zahllosen Briefen ihre Einsamkeit teilen und doch nicht den Weg zur Freundschaft finden. Der eine hat sich verschrieben dem prallen Leben, der politischen Leidenschaft und dem Schreiben, das dem Alkohol nicht zu entsagen vermag: ein Leben und ein Schreiben, zugewandt dem Ende der Nacht, genährt aus dem Idiosynkratischen, sich in Ekel und Leidenschaft entladend. Reise ans Ende der Nacht von Céline schenkt der Dichter dem großbürgerlichen Dilettanten, dem erst mit Kaffee und exotischen Spirituosen, später dann mit Kunst handelnden Bremer Kaufmann. Asketisch, beherrscht und stilvollendet tritt dieser dem Arzt entgegen, dessen ungehemmte, keine Körperfunktion auslassende Sprache und dessen ausgelebte, mitunter öffentlich zu Schau getragene Sexualität an dem durch Erziehung, Gesellschaft und den Ritualen des Geschäftslebens geformten Panzer abprallen. Ein alles durchformender Stil möge dereinst die Künste in einem großartigen Gesamtkunstwerk vereinen, so stellt sich dem Dilettanten die Erlösung dar, enthoben dem widerwärtigen politischen Alltagsgeschäft. Im Dichter sucht er den Seelenverwandten, im Dichter, der seine Briefe oft erst nach längerem Zögern beantwortet, der dem mit Geschenken – Blumen, Bücher und Schnaps – aufwartenden Kaufmann mitunter den Einlass in seine unordentliche Behausung verweigert. Nicht selten nehmen die Gespräche eine schale Wendung und ähneln der Konsultation bei einem Arzt. Medizin ist der Brotberuf des Dichters wie des Verfassers von Reise ans Ende der Nacht, den jener einen „großen Kotzer und Spuker“ genannt hat, der Blick hinter die Individuum genannte Fassade also, auf das Kreatürliche und Unbeherrschbare, das uns hervorgebracht, das uns vernichtet. Morphium, Sex und Alkohol sind die einzigen, dem Menschen gegebenen Möglichkeiten, Existenz in Leben umzuformen.

Till R. Kuhnle

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(C) KRAUTGARTEN
Letzte Änderung: 25.11.2011

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