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Journal

KRAUTGARTEN 56
Juni
2010

58 Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit (loqui)
59 M. Fitzgeralds irische Geschichten (alst)
61 Ausstellungen in der Malmedyer Abtei: R. Hoffmann, R. Schaus (bk)
62 Bruno Lédée, ein Sammler und Vermittler
64 Über Stanislaw Jerzy Lec (alst)
65 Venezia – mit Hemingway, Andersch, Fruttero/Lucentini (Beatrix Diener)
70 Markus Breidenich, Am Michstraßenrand (dim) Christl Greller, Bildgebendes Verfahren (dim)
71 Christian Mähr, Alles Fleisch ist Gras (alst)
73 Georges Hausemer, 80D (cru)
74 Arkprijs in Antwerpen: Geert Buelens (Raymond Detrez)
76 Rossel-Preise für Lütticher Autoren (bk) Christoph Wenzel, tagebrüche (alst)
77 Albert Camus’ Essais neu herausgegeben (dim)

 
„DIE PÄDAGOGISCHE PROVINZ ALS GEISTERBAHN“
Überlegungen zur diesjährigen Verleihung des Leipziger Buchpreises
Über Jan Faktors neuen Roman

Entscheidungen einer Jury zu bemäkeln, hat immer etwas Querulantenhaftes. Da will es einer besser wissen als die Experten. Trotzdem sei der Versuch gewagt, nicht einzustimmen in die Lobeshymnen auf Georg Kleins Roman unserer Kindheit. Ina Hartwig (Die Zeit) nannte das Buch einen „Geniestreich“, „hässlich und irre schön“, für Roman Bucheli (Neue Zürcher Zeitung) ist Klein ein „exzellenter Interpret und Exeget der menschlichen Abgründe“, und für Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung) war es, als habe David Lynch ein Remake von Es geschah am helllichten Tag fabriziert, worin Schmidt zugleich „die wahre Geschichte unserer Kindheit“ sieht. Einstimmig betonen diese drei – wie im übrigen auch etliche andere – Rezensionen den schönen Schauder, den der Roman auslöst, mit anderen Worten: die Gänsehaut mit Stil.
Unter den nominierten Büchern gab es noch ein weiteres, das von Kindheit und Schrecken handelt: Jan Faktors Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Auch was den Geniestreich betrifft, und erst recht hinsichtlich der Exegese von Abgründen, hat dieser Roman einiges zu bieten. Doch damit sind die Parallelen auch schon zu Ende. Anstatt sich auf Ästhetisierungen des Unheimlichen zu kaprizieren, hält sich Jan Faktor an Geschehenes, und es will so recht kein wohliges Gruseln aufkommen, wenn Überlebende der Shoah sich über Misslichkeiten des Alltags trösten mit den Worten, so schlimm wie der Hunger in Auschwitz werde es schon nicht werden. Und dass die hellsten Köpfe eines Landes Kohlen schaufeln müssen, damit ihnen am Abend die Augen zufallen, ehe sie einen regimekritischen Satz zu Papier bringen könnten, taugt gleichfalls nicht fürs Wildromantische.

Lothar Quinkenstein

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ÜBER STANISLAW JERZY LEC

„Fasse Dich kurz. Die Welt ist übervölkert von Worten.“ Diese Einsicht ist als Motto in Stanislaw Lec’ 1959 erschienener Aphorismensammlung Unfrisierte Gedanken zu lesen. Lec, der in den dreißiger Jahren seine ersten Gedichte in Warschauer Literaturzeitschriften veröffentlicht und sich in Polen einen Ruf als Lyriker erworben hatte, blieb dieser Maxime treu, denn in der Folge sollte er vor allem Aphorismen schreiben, die ihn über sein Heimatland Polen hinaus berühmt machten. In den deutschsprachigen Ländern ist es den Übersetzungen von Karl Dedecius zu verdanken, dass Lec als einer der großen Aphorismenschreiber des zwanzigsten Jahrhunderts wahrgenommen werden konnte. Zu seinem hundertsten Geburtstag erschien jetzt eine längst überfällige Biographie über diesen außergewöhnlichen Autor, der über kein anderes Thema so gerne sprach als über sich selbst. Lec’ bewegte Biographie liest sich über weite Teile wie ein Kriminalroman

Alfred Strasser

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LÄSSLICHE SÜNDEN
Endlich wieder ein richtiger Roman von Georges Hausemer


Schon der Titel 80 D ist wenig rätselhaft, sondern ganz Programm:
eine Abkürzung, deren Sinn sich einschlägigen Liebhabern sofort erschließt, denn sie verkörpert die perfekten (Aus-)Maße einer gängigen Obsession: die Begeisterung für formvollendete weibliche Milchdrüsen. Oder, banaler ausgedrückt: Busenfetischismus bei Männern. Denn seit der Ich-Erzähler in Georges Hausemers zart erotischem Roman „denken kann“, denkt er „an Brüste. Nicht an irgendwelche, sondern an große Brüste.“
Es sind „jene Gedanken“, die den Protagonisten „bei neuen Bekanntschaften so häufig aus dem Konzept bringen: Wie weibliche Formen, aus der Distanz betrachtet, wirken, und als was sie sich später, beim direkten Kontakt, erweisen; was Oberweiten versprechen, wenn sie noch unter Stoffen verborgen sind; und was sie halten, sobald kein Kleidungsstück mehr ihnen Schutz bietet – dazwischen liegen oft Welten.“ In der Tat - und Ähnliches mag sich durchaus auch zwischen der Verpackung eines Romans, seinem Anfang, seinem mouth feeling und seinem Abgang abspielen.

Clemens Ruthner

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CAMUS’ 50. TODESTAG
Essais im Arche Literatur Verlag


Es ist dieses Jahr schon einiges geschrieben worden anlässlich des sich jährenden Todestages des französischen Schriftstellers und Philosophen. Man kennt ihn vor allem wegen seines philosophischen Essays Der Mythos von Sisyphos, der Erzählung der Fremde und einiger seiner Theaterstücke. Fast alles ist in Deutsch im Rowohlt Verlag erschienen bis auf den eher unbekannten Essay-Band Hochzeit des Lichts (frz. Noces suivi de l’été), einer besonderen „Perle“ seiner Werke. Die erste Hälfte des Bandes, Hochzeit des Lichts, ist zwischen 1936-37 entstanden. Es sind nicht die ersten Texte Camus, die Essays Licht und Schatten (in Kleine Prosa) sind ein bis zwei Jahre früher entstanden. Bereits in Licht und Schatten klingen schon die Leitmotive des Lichts, der Liebe, der Armut an, die Albert Camus, der in Algerien aufwuchs, und seine Philosophie stark geprägt haben.

Dirk Müller

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(C) KRAUTGARTEN
Letzte Änderung: 23.06.2010