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Literatur
KRAUTGARTEN 56
Juni 2010






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Gerhard Heuschen

Jetzt aber entfaltet hier Wirklichkeit
ihren herrlichsten Teppich als abstraktschillernde Pracht,
an die kein Abendglühuntergang zweifelt.
Dennoch steht nichts fest. Niemals.
Stehfliegen, Augenblicke, Fallobst, Abschied einer Hand,
sind weder Anfang noch Ende des Wunders,
sobald Augen sich schließen, um spätsommerliche
Ekstase zu verkünden. Kein Glück vergeht
so augenblicklich sanft wie Sprache, die ‚Umsonst’ sagt.
Hier ist Stille, von Zahlen, Zeichen, Bejahung und Nein umschwebt.
Sie drücken nichts aus als die Spanne von Entkörperung
bis Gewesensein. Brokat bebt bunt an Seidenfäden.
Duft, der bewegt. Abwesenheit entkommt diesen Formeln
und heiligt den Raum. Glorreich vollendet. Jetzt.
Stets jetzt, und zwar vollkommen ausnahmslos.

Gedichte
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Thomas Josef Wehlim

Zweierlei Krieg

Sie traten hinaus in den strömenden Regen, in ihren Stahlhelmen und feldgrauen Mänteln. Ihr Weg führte vom Kompanie-Befehlsstand durch ein kleines Waldstück, durch frisch auf geworfene Laufgräben, die in Morast, aufgeweichtem Lehm und knöchelhohen Pfützen schwammen. Unermüdlich prasselte der Regen herab, und es war den beiden Männern, Doktor Edmund Blind und dem Regimentsarzt, Stabsarzt der Reserve Doktor Carl, als würden ihnen ständig nasse Tücher in die Gesichter geklatscht. Sie gelangten zur Fundstelle. Überall lagen Knochen verstreut, viele waren durch Spatenstiche zertrümmert worden. In den Wänden des Laufgrabens, der das Massengrab angeschnitten hatte, sah Blind die Stümpfe von Armknochen hervorschauen, die wie zu Hilferufen ausgestreckt schienen, und auf dem mit Wasser bedeckten Lehmboden lagen zertrampelte Schädelkalotten. Die Auflegung des Massengrabes, diagnostizierte Blind stumm, hatte also unsachgemäß begonnen.

Romanauszug
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Frauke Ohloff

Als sei es

ich hätte nur für dich gelebt
für dich gelesen.
Als sei es
ich wäre nur für dich gealtert.
Als sei es
du wärest manchmal da gewesen
mit deinem breiten Hut
den langen Beinen.
Wie mir dein Bild vom Meere strahlt
als sei es
alles wäre für dich gewesen
und nicht für Einmachgläser.
Als sei es
du sähest mich mit bloßen Augen
wie ich aus allem einen Vogel falte.
Als brächte mich
der Tag mit seinem pünktlichen Beginn
mit dieser Prise Kummer
zu dir.

ein gewöhnlicher Tag

Die Sonntage überstehen
wenn man allein
von Fenster zu Fenster geht
stottert die alte Frau
und winkt einem Mann
der mit gesenktem Kopf
die Straße überquert
Sie winkt und staunt
dass sie sieht und hört
aber nicht bemerkt wie
der Boden unter ihren Füßen
zu schwanken beginnt.
Die Risse in der Wand
füllt sie mit Erinnerungen
Für mutige Taten ist sie
nicht mehr zu haben
Zum Gottesdienst geht sie erst
wenn alle schon singen

Gedichte (Download)
Bruno Werner

Worte sind wie
die Kieselsteine
ohne Zahl und Ende
einige wie die anderen
andere wie keine
werf ich sie auf
Wasserspiegel
zaubern sie Ringe
um Ringe machen
auch Hüpfer und Sprünge
oder versinken
spurlos tief

préau

und er und er und sie
Monaden ziehen ihre Runden
Frost zaubert
Eispickel in die Iris
blaubetuchte unterschiedlich
besternte
Schlüsselanhänger ringen
mit Todes Bruder
zum Zeitpunkt
der Niederschrift
standen keine anderen
Worte zur Verfügung


Gedichte (Download)
© KRAUTGARTEN
Letzte Änderung: 23.06.2010

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