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Literatur
KRAUTGARTEN 59
November 2011







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Leo GILLESSEN

compagne

Wie die Stille
in der ich mich täglich
wiederfinde
ist sie da
wo kein Suchen
mich übrig lässt
und Licht und Dunkelheit
sich aufheben in der Nähe
des Alleinseins.

Brabant

Wie ich mit dem halben Mond
mich in der Landschaft verliere
im süßen Modergeruch
der Rübenhaufen
auf dem leeren Feld meine Verwesung
ahne wie nach dem späten Regen
die Dunstschwaden
sich mit der hastigen Nacht
auf alle Richtungen legen
und ein Ankommen ganz
unwirklich wird

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Nelia DORSCHEID

CZERNOWITZ I
nach czernowitz

dunkle gaben
die kälber vorm horizont;

steil zieht ein vogel das feld auf

und wollen wir nicht schweben
und wollen wir nicht land
+
ach, lemberg:

am draht weicht der bus
dem wege aus;

bauten, helle taubenschläge;
dazwischen hindert
ein ruhiger stern;

dann aber werde ich rückkehren bei tag
wie das licht ins dünn gesprungene staubige glas,
darin sich fassaden in barmherzige himmel spiegeln:
einander dunkel getan unter dem tau ihrer jahre

von den gassen sprechen,

ich und nur DU.
+
noch ist’s der mond der uns naht.

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Sabina LORENZ

[Sind es die Straßen]

Doch sind es die Straßen, die erzählen, / oder sind es
die Menschen, die den Straßen / erzählen, sind es die
Schuhe der Menschen / auf den Straßen, die zählen,
zählen die Straßen / die Schuhe der Menschen, oder
zählen die Schuhe / die Straßen und die Menschen,
die sie queren, / queren die Schuhe mit den Menschen
die Geschichten / auf den Straßen, tragen die Schuhe
der Menschen / die Geschichten der Straßen, wenn sie
laufen, laufen / die Menschen mit den Geschichten der
Straßen / an den Schuhen in die Häuser, wo sie leben,
leben / die Geschichten der Straßen an den Schuhen in
den Häusern / der Menschen, die dort wohnen, sind
die Menschen / für die Häuser, wenn sie schlafen, oder
/ sind die Häuser und die Menschen für die Straßen /
sind es die Straßen

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Stephan VOSS

Fernando Pessoa bestellte ein weiteres Säftchen. Unruhig trippelten die Füße unter dem Tisch. In dem Schankraum war es unerträglich heiß, der Deckenventilator funktioniere nicht, hatte sich Carlos entschuldigt. Fernandos Jackettkragen war vom Schweiß nahezu aufgeweicht. Vielleicht lag es auch daran, dass er dem Alkohol ziemlich zugesprochen hatte, er war wie üblich vom Wein zum Säftchen übergangen. Carlos brachte ihm den Saft und nahm das andere Schnapsglas mit. Fernando rief den Ober noch mal zu sich. Ein Wasser, bitte, und danach einen Figo. Heute wollte er von sämtlichen Sorten kosten, vom Ginjinha zum Figo zum Medronho. Vielleicht später zurück zum Wein, zusammen mit Alvaro de Campos, falls er endlich hier auftauchen würde. Er fürchtete sich etwas vor der aufbrausenden Art des Freundes. Er wusste von seinem neuen Pamphlet, das er in Arbeit hatte und vielleicht sogar heute mitbringen würde. Obwohl es ihm an seinem Geburtstag kein Vergnügen bereiten würde, in seinen Schriften zu lesen und mit ihm über den Inhalt zu diskutieren. Sollte man an dem Gedenktag des Entstehens und der Schöpfung nicht feiern, sich bewusst sein des einzigartigen Selbst? Carlos servierte das Wasser und stellte den Feigenschnaps daneben. Fernando trank zunächst ein Glas Wasser, er gurgelte sogar etwas, um den Kirschgeschmack loszuwerden. Er kippte den Figo hinunter, schmeckte und wusste augenblicklich, dass er schmeckte, ich bin immer noch ich und nicht nur die anderen, und mit dieser weisen und für ihn nicht selbstverständlichen Erkenntnis knallte er das Schnapsglas auf die Tischplatte.

Gedichte und Prosa:
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Elke ERB


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© KRAUTGARTEN
Letzte Änderung: 25.11.2011

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